Sonntag, 16. Dezember 2007

Wie alles begann - Folge 1



Ich weiß, ich hätte Euch auf dem Laufenden darüber halten müssen, was beim Zopfpullover so alles abgegangen ist, aber irgendwie hab ich es versäumt, Euch von meinen Fortschritten zu berichten.

Stattdessen platze ich jetzt damit heraus: Der Pullover ist fast fertig. Seit Wochen schon! Jetzt fehlen noch Spannen, Zusammennähen und Kragenanstricken, aber vor lauter Plätzchenbacken komme ich an den Wochenenden nicht dazu. Ich kann's kaum glauben - mein erster richtiger Pullover. Schließlich kann mein Pullunder vor 20 Jahren, den ich gerade wie einen Schal und glattrechts hochstrickte und zu guter Letzt an den Seiten irgendwie zusammenstichelte, kaum zählen. Damals hätte ich mir nie träumen lassen, dass aus meinen Nadeln jemals ein richtiger Pullover fließen würde.
Aber bis vor zwei Jahren hätte ich mir ja auch nicht vorstellen können, dass ich es je zur Sockenstrickerin bringen würde. In der Tat kam's nur deshalb dazu, weil ja irgendwer in der Familie das Amt meiner verstorbenen Großmutter antreten musste, die uns jahrzehntelang zu Geburtstagen und Weihnachten mit handgestrickten Strümpfen versorgt hatte. Aufdrängen dürfen hätte mir dieses Amt niemand. Aber die Stelle war frei, und keiner riss sich darum. Also fing ich heimlich an Socken zu stricken.

Die erste Ferse war furchtbar. Nicht, weil sie misslang, sondern weil ich nicht wusste, wie man Fersen strickt. Das lernte ich mühsam aus einem Buch. Und dann noch mal richtig aus dem genialen Fotoworkshop von Brigitte Gsänger (zu finden in den FAQs der Bastel- und Hobbykiste), diesmal gleich als Bumerangferse.

Sofort hatte ich entdeckt, dass es noch andere Wollen gab als die einfarbigen Schachenmayr-Knäuel, die meine Großmutter immer verarbeitete. In ihren letzten Jahren, als sie nur noch sehr schlecht sah, fiel nach vielen dunkelblauen und lila Socken sogar die Farbe weg. Jetzt waren unsere Socken nur noch tweedweiß, also creme mit irgendwelchen winzigen Farbsplittern drin, oder gleich grau (für ihren Sohn, meinen Vater). Immer wieder mal frage ich mich beim Sockenstricken, ob meine Großmutter einfach kein Interesse an Abwechslung hatte oder was sonst die Gründe für die ewige Einfarbigkeit ihrer Socken waren. Einmal, das werde ich nie vergessen, gab es was ganz Unerhörtes: Ringelsocken. In der für mich fürchterlich anzuschauenden Kombination schwarz-feuerrot-giftgrün. Ich war, damals irgendwo um die 20, wahrhaftig sprachlos.
Ähnliches kam tatsächlich nie wieder vor. Ich bereue, dass ich meine Großmutter nie gefragt habe, wie sie genau zum Sockenstricken stand, ob es ihr wirklich Spaß machte oder einfach schön als Geschenk war, ob ihr Fernsehen ohne gleichzeitiges Stricken ein Gräuel war und wie und wann genau sie damit angefangen hatte. Ich vermute mal, in ihrer Jugend, aus ganz praktischen Gründen. Aber obwohl meine beiden Großmütter harte Zeiten durchlebt hatten, war die Mutter meiner Mutter nie zur Sockenstrickerin mutiert, sie strickte nur ab und zu mal einen Pullover, und das auch eher nebenbei.

Durch ihre Sockenstrickerei besaß meine Großmutter aus meiner Sicht eine Art Familienmonopol auf eine der geheimnisvollsten Handarbeitstechniken, die ich damals kannte. Socken stricken, das kapier ich nie - so viel stand für mich fest. Aber als meine Großmutter starb, war es plötzlich doch so weit. Ich wollte das Geheimnis ergründen!
Inzwischen stricke ich Socken im Schlaf. Anfangs ausschließlich aus den selbstmusternden Wollen, mittlerweile sogar manchmal aus Uni-Farben, die mir zuerst so langweilig vorkamen. Vielleicht fand meine Großmutter sie ja ebenfalls nicht langweilig, vielleicht ging sie einfach im Stricken auf, konnte sich dabei entspannen, den Fortschritt an der Arbeit genießen, ihre Hände in Bewegung halten und den Geist zur Ruhe bringen.
Ob sie je damit gerechnet hat, dass ausgerechnet ich die Strumpfnadel übernehme? Wohl kaum. Aber mir gefällt der Gedanke, dass sie sich darüber gefreut hätte.

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